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Interview mit Hannes Namberger

Der sympathische Dynafitathlet Hannes Namberger - Shooting Star der deutschen Trailrunningszene in 2021 - hat sich Zeit genommen, um sich den Fragen unserer Leser*innen zu stellen. 

Warum der ehemalige Ski-Alpin-Profi, der vor sechs Jahren die Skier gegen Trailrunningschuhe eingetauscht hat, hauptsächlich fürs Essen läuft, wie er im Wettkampf mit Schmerzen umgeht und aus welchen Gründen der Lavaredo-Ultratrail sein perfektes Rennen in 2021 war, lest ihr in Stefans ausführlichem Interview.

Hannes Namberger Madeira Ultratrail
Foto @RiffRäff

Stefan: Hallo Hannes, wie geht es dir und wie ist die Regeneration nach dem Sieg beim Madeira Ultratrail verlaufen?

 

Hannes: Mir geht es gut. Die Beine und der Körper waren so entspannt wie noch nie zuvor, obwohl ich wirklich mehr als am Limit gelaufen bin. Aber irgendwie haben die Beine es diesmal gut verkraftet. Ich hatte großen Schmerzen nach dem Wettkampf und konnte schnell wieder super gehen, was alles andere als selbstverständlich ist nach  den 115km.

Die Nächte waren da schon etwas unangenehmer. Wer schon einmal so lange gelaufen ist, der kennt das sicher. Ich habe dann immer leichte Krankheitssymptome wie Fieber. Aber das ist etwas ganz Normales. Der Körper arbeitet danach einfach und versucht, die ganzen Giftstoffe aus dem Körper zu bringen. Nachts war es also nicht so entspannt, das nimmt man aber sehr gerne in Kauf für diesen Erfolg!

Hannes Namberger Madeira Ultratrail
Foto @RiffRäff

Stefan: Als zweite Frage möchten wir gerne wissen, was dein absolutes Highlight in der Saison 2021 war?

 

Hannes: Das war definitiv der Lavaredo Ultratrai! Weniger wegen dem Streckenrekord, sondern einfach, weil alles 100% funktioniert hat und es war mein erster Sieg auf internationaler Bühne.

 

Stefan: Neben dem neuen Streckenrekord beim Lavaredo Ultratrail bist du auch beim UTMB auf den 6. Platz gelaufen. Der UTMB ist ja prinzipiell die "Granate" im internationalen Wettkampfkalender. Einige Leser möchten wissen, welcher der beiden Wettkämpfe mehr in deine persönliche Sportlergeschichte eingehen wird.

 

Hannes: Ich hoffe, dass ich noch bessere Leistungen zeige. Der UTMB war ein super Wettkampf, aber anfangs ist es mir nicht gut gegangen. Deshalb bin ich trotzdem sehr stolz auf die Leistung, dass ich bei meinem ersten 100-Meiler ins Ziel gekommen bin und mich auch noch mit Platz 6 belohnen konnte. Aber ich war noch nicht zu 100% zufrieden mit dieser Leistung. Beim Madeira Island Ultrataril (MIUT) war ich auch rundum zufrieden. Da habe ich sehr wenige Fehler begangen und fast alles richtig gemacht, deshalb setze ich die Leistung  beim MIUT mit dem beim Lavaredo auf ein Level.

 

Stefan: Welche Wettkämpfe gibt es denn in Zukunft, die dich faszinieren und wo du "angreifen" möchtest?

 

Hannes: Ich möchte mich zunächst weiter auf Europa fokussieren, dort sehe ich meine Stärken. Ich will gerne noch technisch schwerere Rennen laufen und nicht so ganz auf das laufbare Terrain gehen, was in Amerika mehr gefordert wird. Es wird sich im kommenden Jahr sehr auf den UTMB als hochklassigstes Rennen fokussieren. Mein nächster Start beim UTMB wird wieder auf der 170km-Distanz sein und die restliche Saison wird daran angepasst. Die sonstigen Termine werden abhängig vom vom UTMB gewählt. 

 

Stefan: Beim Madeira Island Ultra Trail gingst du als Favorit an den Start. Wie fühlte sich das an?

 

Hannes: Genauso, wie wenn ich bei einem weniger gut besetzten Wettkampf an den Start gehe. Man muss immer erstmal seine Leistung bringen, da bringt die Favoritenrolle überhaupt nichts! Am Ende muss jeder die gleiche Strecke laufen, mit dem selben Material und zu den gleichen Bedingungen - Favorit hin oder her. Abgerechnet wird erst ab der Ziellinie! Das geht wenig an mich heran, ob ich Favorit bin. 

 

Stefan: Wie motivierst du dich für solch große Herausforderungen und wo nimmst du deine mentale Stärke für das Training her?

 

Hannes: Das ist eben genau der Sport, den ich unbedingt ausüben will und die Motivation kommt ganz klar von innen heraus. Zu diesen Herausforderungen zwingt mich niemand, sondern ich mach das aus freiem Herzen raus. Das ist die eigentliche Motivation für mich, weil es mir einfach mega Spaß macht weil ich auf das Gefühl beim Laufen stehe. Ich bin halt auch wettkampfgeil sag ich jetzt mal (lacht). Ich stehe einfach auf Wettkämpfe und will mich optimal vorbereiten. Es ist schon auch schwer, immer das Level hochzuhalten, aber wenn es sich lohnt ist es umso schöner!

 

Stefan: Es interessiert uns natürlich, wie du das mit deinem Job vereinst? Du arbeitest ja für die Bundespolizei?

 

Hannes: Eine meiner Fähigkeiten ist es wohl, das alles ganz gut zu managen. "Nur" das Laufen und die Arbeit, das kann ich sehr gut miteinander kombinieren. Es gibt aber eben noch viele andere wichtige Dinge im Leben. Für diese Dinge habe ich leider nicht viel Zeit, oder muss das eben sehr stark reduzieren. Du kennst das vielleicht, da schneidet man immer irgendwo Zeit ab und manchmal ist dann die Frau die Leidtragende. Man muss halt irgendwie Prioritären setzen und ich bin da bis zum heutigen Tage egoistisch.

Nach dem Wettkampfjahr habe ich aber 6 Wochen Offseason und dann muss auch ich mal zurückstecken und mehr für meine Frau da sein. Prioritäten setzen und das alles sehr gut miteinander kommunizieren, das sind so die wichtigsten Dinge, damit man in keinen Streit gerät, sondern eine gute Lösung für Beide findet.

 

Stefan: Wie sieht ein normaler Trainingstag in der Wettkampfvorbereitung bei dir aus und wie ernährst du dich dabei?

 

Ein Tag ist bei mir niemals gleich, da ich Schicht arbeite. Manchmal habe ich Tagschicht, die geht von 6 in der Frühe bis um 18 Uhr abends. Und dann habe ich wieder Nachtschicht von 15 bis 3 Uhr nachts. Somit ist eigentlich jeder Tag unterschiedlich und nach diesen Dienstzeiten versuche ich das Training auszurichten. Manchmal muss ich dann halt nach 12 Stunden Arbeit noch trainieren immer. Oder ich spule erst mein Trainingspensum ab und muss dann noch 12 Stunden zum Nachtdienst. 

Die langen 12-Stunden-Schichten bringen mir dann aber auch immer mehrere freie Tage in der Woche.

 

Nun zu der Ernährungsfrage: Ich habe keine ganz spezielle Ernährungsform. Ich ernähre mich aus vielen "Formen", die ich im Laufe der Jahre getestet und das Optimale für meinen Körper gefunden habe. Ich bin jetzt kein Veganer, kein Vegetarier, kein Paleo  - aber ich habe aus jedem dieser Ernährungsformen die optimalen Bausteine für meinen Körper gefunden. Eben das, was ich am besten vertrage.

Man kann sagen, dass ich fast kein Fleisch und keinen Fisch esse, speziell in der Wettkampfsaison. Sondern hauptsächlich regionale Produkte wie Gemüse, eher wenig Obst und ganz viel Pasta, Reis und Süßkartoffeln. Und halt keinerlei Fastfood, sondern Alles selbst zubereitet. Der Thermomix tut da gute Dienste. In der Wettkampfzeit bin ich da sehr strikt mit dem Essen. Danach ist es mir egal!

 

Hannes Namberger
Foto @Mariana Oliveira

Stefan: Dann habe ich noch eine Frage: Was wünschst du dir für 2022?

 

Hannes: Vor allen eins - gesund bleiben! Dass ich weiterhin verletzungsfrei bin und somit einfach weiterhin den Spaß am genießen kann. Das ist das Wesentliche, was man sich eigentlich immer wünscht. Ich habe durch Corona und andere Krankheiten, wie Andere richtig zu kämpfen hatten. Das wünsch ich mir natürlich nicht, denn ohne Sport könnte ich mir ein Leben gerade nicht vorstellen.

Und nebenbei war der Sport in der Coronazeit die beste Medizin gegen Vieles. Frische Luft, Ablenkung und Laufen tut immer gut. Ich kenne erfreulicherweise sehr viele Leute, die durch diese spezielle Zeit Gefallen am Laufen gefunden haben. Und ich wünsche mir für das kommende Jahr, dass das noch mehr Leute so machen.

 

Stefan: Einer unserer Leser möchte wissen 2021 bist du für viele Leute der beste deutsche Trailrunner. Wie fühlt es sich an, für viele der beste deutsche Trailläufer in 2021 zu sein? 

 

Hannes: Da möchte ich jetzt eigentlich nicht so viel dazu sagen. Lieber sollen das andere Menschen einschätzen. Wir haben in Deutschland sehr viele tolle Talente und wir sind auf einem gutem Weg, eine richtig gute Nation in diesem Sport zu werden. Der Sport Trailrunning boomt und ich wünsche auch vielen Sportlerinnen und Sportlern, dass die am Ende auch belohnt werden! Denn in diesem Sport steckt viel harte Arbeit und Schweiß. Bei mir ist in diesem Jahr Alles aufgegangen, weil ich vielleicht auch einfach viel richtig gemacht habe. Aber ich bin da sicher nicht der Einzige, der sich den Arsch aufgerissen hat.

 

Stefan: Eine unserer Leserinnen fragt, inwieweit sich deine Emotionen beim Madeira Ultratrail vom Lavaredo und dem UTMB unterschieden haben?

 

Das war eine immense Emotion beim MIUT, weil da so viel von mir abgefallen ist. Man nimmt sich in einem solchen Wettkampf so viel vor und wenn am Ende alles aufgeht, wenn jeder Tropfen Schweiß sich lohnt, denn man in der Vorbereitung für den MIUT investiert hat,  dann ist das ein unglaubliches Gefühl.

Da hängt auch einfach sehr Vieles dran: Daheim und im Umfeld stecken andere Menschen so viel für dich zurück. Die Sponsoren tun sehr viel dafür, in meinem Fall nun speziell Dynafit, damit ich das beste Material am Körper habe und dann geht am Ende Alles auf! An solche Erfolge denke ich sehr oft im Vorfeld und visualisiere das sehr stark, damit ich genau an diesem Tag eine optimale Leistung bringen kann! Beim MIUT war es einfach mein Tag, da ist es mir dann irgendwie alles hochgekommen und da hatte ich dann nach der Ziellinie heulen müssen.

 

Stefan: Ich habe es gesehen und fand das einfach toll! Da sieht man, dass das Leidenschaft pur war!

Ein anderer Leser fragt, wie du dich im Vorfeld auf eventuelle Probleme während des Wettkampfes einstellst? Also wenn man sich zum Beispiel darauf vorbereitet, wenn man Probleme mit dem Magen bekommt oder sich eine Blase läuft?

 

Ich versuche im Vorfeld zu überlegen, welche Probleme ich vermeiden kann und das versuche ich dann auch schon im Training zu vermeiden. Zum Beispiel das Thema Blasen. Das habe ich über die Jahre gelernt, dass ich sowas nicht bekomme. Auch dass sich keine Magenprobleme einstellen. Dass ich auch mal Schmerzen habe, zum Beispiel im Knie, dass ist normal. Aber ich versuche das auszublenden, sondern denke nur an das Positive, was ich machen muss, damit mein rennen aufgeht. Zum Beispiel habe ich beim MIUT Sprunggelenksschmerzen ab Kilometer 30 gehabt. Dann habe ich mal reingefühlt, wie sich der Fuß bis km 50 verhält. Es war zwar nicht angenehm, allerdings es ist es auch nicht schlimmer geworden. So habe ich einfach gelernt, mit dem Schmerz umzugehen und habe ihn akzeptiert. Da die Schmerzen nicht zunahmen, war das ein Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist, aber es war deutlich, dass ich mir nichts kaputt laufe.

Im Endeffekt hat mich das Ganze noch mehr angespornt. Denn ich habe gewusst, ich kenne  meinen Körper und weiß, da passiert nix. Das ist, wie wenn man ein Muskel ein wenig zwickt. Beim UTMB hat zum Beispiel der Hüfthebermuskel einfach nicht mehr mitgemacht und ich habe geschaut, wie ich dass dann umgehen kann. Am Ende habe es trotzdem bis ins Ziel geschafft. Das funktioniert aber nur, wenn man seinen Körper zu 100% kennt und mit Schmerzen positiv umgehen kann.

Wehtun, tut es allen am Ende, allen Finishern!  :)

 

Das wichtige ist einfach den Körper zu kennen und die Schmerzen richtig einordnen zu können. Ob ich mir mit den Schmerzen etwas kaputt mache, oder ob ich es akzeptieren darf, weil die Belastung einfach über das normale Maß hinaus geht.

 

Stefan: Denkst du dir bei diesen unglaublich langen Distanzen auch manchmal, warum du dir so etwas überhaupt antust?

 

Hannes: Ich weiß genau, warum ich das mache! Weil es mir gefällt und weil ich es geil finde! Ich habe irgendwann diese Insel überschritten und das Gefühl war genial, in 14 Stunden bin ich 125km gelaufen und denke mir im Nachhinein  - wie geht das überhaupt? Wenn ich  die Zahlen betrachte, dann denke ich, das gibt es doch überhaupt nicht. Es fasziniert mich einfach, was der Körper in der Lage ist zu leisten und was mit dem entsprechenden Willen möglich ist. 

Hannes Namberger
Foto @Mariana Oliveira
Stefan: Jetzt kommt glaub die beste Frage: Überlegt sich ein Hannes Namberger während des Wettkampfes auch, was er sich nach der ganzen Schufterei gönnen darf?

 

Hannes (lacht): Das ist definitiv die einzige wahre Frage. Ich laufe für Essen! Beim UTMB habe ich mir überlegt, dass ich direkt danach zum McDonalds gehe, was ich dann am nächsten Tag auch gleich nach dem Frühstück umgesetzt habe. Aber das war diesmal nicht so geil, das hat mir nix gegeben. Da macht es mir schon mehr Spaß, zu Hause richtig groß und gemeinsam zu kochen und sich alles reinzuhauen. Nach so Wettkämpfen esse ich auch mal was, was sonst nicht so geht, zum Beispiel Fisch und Fleisch und trinke auch mal ein gutes Glas Wein. Alkohol ist ansonsten eine Katastrophe in der Vorbereitung.

 

Stefan: Zum Abschluss haben wir noch ein kurzes Frage - Antwortspiel parat.

Was ist dir lieber - Uphill oder Downhill?

Hannes: Uphill!

 

Stefan: Tempo- oder Longrun?

Hannes: Longrun!

 

Stefan: Weißbier oder Helles?

Hannes: Weder noch.

Stefan: Was trinkt der Herr Namberger denn?

Hannes: Rotwein

 

Stefan: Burger oder Pizza?

Hannes: Burger!

 

Stefan: Herzlichen Dank, dass du dir so ausführlich Zeit genommen hast für unsere Fragen. Wir wünsche dir viel Spaß in der Offseason und weiterhin viel Erfolg und Leidenschaft beim Laufen!

 

Hannes: Gerne, das hat mir viel Spaß gemacht! 

 

 

 

 

Interview: Stefan Brendel

Bericht: Mario Hoff

Trailrunning24 Redaktion

Hannes Namberger
Foto @RiffRäff