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Wenn die Steinböcke rufen

Wenn die Steinböcke rufen

 

Es ist Freitag Nachmittag. Ich sitze im Auto und fahre Richtung Alpen. Genauer gesagt ins schöne Zillertal nach Ginzling zum Steinbocklauf.

 

Aufgrund der der anhaltenden, schweren Unwetter die Tage vorher, wurde die Strecke bereits im Vorfeld auf die Ersatzstrecke umverlegt. Die Originalstrecke über die Mörchnerscharte war nicht laufbar. Somit wurden aus den 30Km nur noch 25km, allerdings auch mit knapp 1700 Höhenmeter.

 

Die Streckenänderung hat an meiner Vorfreude allerdings nichts geändert. Noch dazu, weil der Wetterbericht für den Samstag Sonne und keinen Regen gemeldet hat.

 

Der Steinbockmarsch hat Tradition. Heuer findet er zum 53. Mal statt. Für die Läufer gibt es sogar eine extra Wertung.

 

Gestartet wird Samstag früh um 5.00 Uhr mit den Wanderern, direkt am Naturparkhaus in Ginzling. Toll, dass auch ganze Familien mit ihren Kids am Start stehen. Zusammen mit Mama und Papa ab auf die Strecke, ausgerüstet mit Rucksack, Startnummer und Stirnlampe. Voller Vorfreude warten alle bis der Countdown gezählt wird. PENG- für 729 Wanderer geht es nun los.

 

Die Läufer haben noch 30min Zeit zum Fertigmachen.

Ich schaue mir nochmal den Verlauf der Ersatzstrecke an. Eigentlich ganz simpel, 1xrauf und 1xrunter, fertig. Allerdings sind die Höhenmeter dabei nicht verteilt, sondern komplett am Stück zu laufen. Und das auch bis km 13.

 

Es ist 5.30 Uhr, nun geht es auch für die 136 Läufer auf die Strecke.

Diese geht geht quer durch Ginzling und direkt auf der Forststraße ortsauswärts. Leicht ansteigend folgen wir dem Weg, der nach kurzer Zeit in einen Schotterweg übergeht. Ich überhole die ersten Wanderer, es geht an meiner Unterkunft vorbei, ebenso am Kraftwerk Roßhag. Das Gebäude ist so mit Grün um- und einwachsen, dass man genau hinsehen muss , um überhaupt ein Gebäude zu erkennen. Links rauscht der Bach talabwärts. Im Schein der Stirnlampe geht’s weiter.

Kurze Zeit später biegt der Weg scharf rechts ab und es geht auf einem schmalen Pfad Richtung Birgelbergalm hinauf. Dort ist auch die 1. Labstation. Man sieht in der Ferne schon die aufgehende Sonne hinter den Gipfeln. Nach 7km ist die Birgelbergalm erreicht. Meine Uhr sagt mir, dass 650 Höhenmeter auch schon erledigt sind. Prima. Ich packe meine Stirnlampe in meinen Rucksack und bin überwältigt , was hier alles an der Labstation aufgefahren wird. Von Obst, Gemüse, Keksen, Kuchen, Landjägern, Brot, Iso und Wasser, gab es sogar einen Obstler. Ich konnte es fast nicht glauben. Noch immer Kopfschüttelnd und schmunzelnd wegen des Schnapses mache ich mich weiter auf den Weg.

 

Die nächste Station ist das Friesenberghaus auf 2498m Seehöhe. Dies ist auch der höchste Punkt der Strecke.

Der Anstieg wird steiler und auch viel technischer. Ich bin nun auf einem Streckenabschnitt des Berliner Höhenweges unterwegs. Die Baumgrenze habe ich hinter mir gelassen. Ab jetzt wird es grauer und felsiger. Endlich, mein Lieblingsabschnitt kommt. Über Felsblöcke und grobes Geröll geht es zeitweise gefühlt senkrecht nach oben. Man muss sich sehr konzentrieren, um nicht umzuknicken bzw auch immer darauf gefasst sein, dass der Stein bzw der Block unter einem wackelt. Als Wegmarkierung findet man in so einem Gelände nur die aufgemalte rot weiße Flagge. Teilweise sieht man auch ein Steinmännchen.

Es staut sich stellenweise. Überholen ist allerdings schwierig. Nicht jeder ist so geübt auf den wackeligen Steinen - und dieser Abschnitt ist tatsächlich nicht nur 500m lang. Für mich aber eine der schönsten Passagen.

Zeitweise geht es kurz gerade aus, aber trotzdem noch auf Fels- und Gesteinsblöcken. Da ist auch das Reden mit den Vorderleuten bzw Hinterleuten möglich.

Ich komme ins Gespräch mit zwei Wanderern. Sie sind auch das erste Mal dabei. Da erfahre ich ein bisschen Geschichte über das Friesenberghaus, welsches 2003 zur Begegnungsstätte gegen Intoleranz und Hass erweitert und eingeweiht wurde. Tatsächlich hatte das Friesenberghaus mehr Geschichte zu erzählen, als man annimmt.

Die letzten Meter vergingen deswegen wie im Fluge für mich. Plötzlich stand sie da. Inmitten von Geröll, Steinen, etwas unterhalb der Berggipfelkanten.

 

Schon vor den Geröllfeldern habe ich immer wieder das Wort „Leberkäse“ aufgeschnappt. Ich dachte mir noch, was haben sie denn alle wegen Leberkäse immerzu?

Jaaa, am Friesenberghaus wusste ich es dann. Denn dort gab es Leberkäse an der Labstation. Ich konnte es fast nicht glauben. Sowas ist mir noch nie passiert, auf meinen ganzen Läufen nicht.

Ich schnappte mir aber nur eine kleine Scheibe trockenes Brot und ein Stück Banane und machte mich für den Downhill bereit. Knapp 700 Höhenmeter musste ich runter zur Dominikushütte. Und dies in 6km. Das geht ganz schön in die Oberschenkel.

Der Weg war nicht mehr ganz so felsig und verblockt. Über Wiesen, Wurzeln, gespickt mit größeren und kleineren Steinen schraubte ich mich bergab. Die Baumgrenze war nach gut der Hälfte der Höhenmeter erreicht. Der Weg schlängelt sich schmal in Spitzkehren weiter nach unten. Bei den aufsteigenden Wanderern musste man dann immer eine Lücke finden, um aneinander vorbeizukommen. War aber ganz ok, da nicht allzu viele unterwegs waren.

Kurz vor der Hütte ging es über Holzbalken über den Bach, rechts kurz einen Anstieg hinauf und da stand ich an der nächsten Labstation, an der Dominikushütte oberhalb des Schlegeisstausees. Kurzer Stop, die Flasche nochmals auffüllen und weiter gehts. Ich halte mich nicht lang dort auf. Die letzten km werden eingeläutet.

 

Es geht für die letzten 6km nochmals 550 Höhenmeter nach unten. Vorbei an der Schlegeisstauseemauer, die ich bis dato nur von oben kannte. Deswegen war für mich der Anblick von unten der Hammer, so massiv und rießig . Da kommt man sich plötzlich winzig klein vor. Das dort ein Klettersteig hinauf geht wusste ich. Und ich hatte Glück, es hingen tatsächlich 4 Leute in der Wand. Kurzer Fotostop musste jetzt natürlich definitiv sein. Die Mauer sieht von unten nochmals imposanter aus als von oben.

Danach ging es weiter auf einem schönen Trail. Viele Wurzeln und ein paar Steine, fast genauso wie bei mir zu Hause. Als ich in den Schotterweg einbog, stand das Ziel schon auf den Wegweisern – Breitlahner. Da wollte ich hin. Kurze Zeit später konnte man die Stimmen und das Anmoderieren des Sprechers aus dem Zielgelände hören. Es kann nicht mehr weit sein. Ich kann die wenigen Häuser schon sehen. Einmal noch scharf in den Hang abbiegen, einen schalen Pfad nach unten und das Ziel war in Sicht.

 

Genau zwischen zwei Häusern wurde das Zielbanner gespannt. Man läuft sozusagen direkt in die Zuschauer rein. Ein toller Zieleinlauf. Auch weil dort die Stimmung super war.

Es lief Musik und jeder Läufer und Wanderer ist vom Sprecher anmoderiert und namentlich genannt worden. Das fand ich super. Es gab nochmals Verpflegung und mein absolutes Highlight war der noch lauwarme Apfelstrudel. Man war der lecker, mmmhhh.

Der Moderator, der seinen Platz direkt daneben hatte, erklärte mir ganz stolz, dass er die ganze Nacht durchgebacken hätte für diesen tollen Apfelstrudel. Ich hab ihn sehr gelobt und gesagt, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hätte ;)

 

Direkt im Ziel wurde dann auch kurze Zeit später die Siegerehrung der Läufer veranstaltet. Es gab nicht nur schnellste Frau/Mann, sondern auch eine Altersklassenwertung. Plätze 1-3 bekamen einen tollen Pokal mit Steinbockmotiv.

 

Für mich hat es leider nicht ganz gereicht für einen Pokal, was sicher auch daran lag, dass ich viel zu oft angehalten habe wegen der Fotos. Die Medaille alleine ist aber genauso toll.

Nach der Siegerehrung ging es von Breitlahner mit dem Taxibus zurück nach Ginzling.

Die Siegerehrung für die Wanderer, sowie die schnellsten LäuferInnen, Gesamtsieger etc. erfolgte am Abend im Festzelt.

 

Zurück an meinem Auto stand meine Rückreise nach Oberfranken an. Ich lass diesen wunderbaren Tag nochmals Revue passieren und freue mich, wenn ich in den nächsten Jahren wieder in Ginzling an der Startlinie stehe, und dann hoffentlich in den Genuss komme, auch die Originalstrecke laufen zu können.

 

Abschließend möchte ich sagen, dass es eine tolle Veranstaltung war. Man merkt, dass dieser Marsch/Lauf seit vielen Jahren Tradition hat und der Veranstalter und die Helfer alle mit Leib und Seele dabei sind. Macht weiter so. Das war spitzenmäßig.

 

 

Fotos und Text:  Simone Gerstmayer